… scheiße

23.03.2012
… den Rest könnt Ihr Euch jetzt denken, oder?
Heute geht der Flieger nach Barcelona. Am liebsten würde ich jetzt einfach nur im Bett liegen bleiben, nicht mehr davon reden, nicht mehr daran denken und auch gar nicht erst hinfliegen. Aber ich stehe in Eurer Schuld, also schreibe ich diese Zeilen.
Die Leiste kann’s nicht leisten
4 Monate lang habe ich trainiert, hungrig und müde bei Minustemperaturen spät abends nach langen Arbeitstagen Intervall-Läufe gebolzt bis ich Sterne gesehen hab, über 800 Laufkilometer gesammelt, 7 kg abgenommen, 2 Monate lang nicht einen Schluck Alkohol angerührt, Fast Food bis auf zwei Ausnahmen gemieden, Partys vor dem Stimmungshoch verlassen. Das alles immer mit dem einen Ziel vor Augen: mich selbst besiegen, einen Marathon finishen und damit Geld für die Elterninitiative Krebskranker Kinder München sammeln.
Es war die letzte Woche der entscheidenden Vorbereitung. Der letzte Intervall-Lauf – Fabelzeiten! Der letzte langsame Dauerlauf – astreine niedrige und konstante Herzfrequenz! Dann der letzte bittere lange 32-km-Lauf – problemlose 22 km, dann ein leichtes Ziehen in der Leiste. Ja klar, jetzt kommen die Schmerzen, dachte ich mir und lief unbeirrt weiter. Die Schmerzen wurden größer, der Oberschenkelmuskel härter. Okay, so wird’s wohl auch beim Marathon wehtun. Wenn ich das jetzt wegstecke, dann kann mich auch am großen Tag nichts mehr umhauen, dachte ich neunmalklug. Und lief immer noch weiter und den Lauf zu Ende. Auch die letzten 2 km, bei denen ich das linke Bein kaum noch heben konnte.
Danach folgten Besuche beim Sportarzt, Heilpraktiker, Physiotherapeuten und vorgestern beim Leistenspezialisten. Doch nichts half. Diagnose: Leistenzerrung und weiche Leiste. Beim Marathon bestünde die Gefahr des Bruchs. Ab sofort striktes Sport-Verbot für 6 Wochen. Von 0 auf 100 in 4 Monaten. Und zurück in einer Woche.
Ich wollte mir einen Traum verwirklichen, über mich hinaus wachsen, es mir selbst beweisen. Ich schrieb nach dem ersten Trainingsmonat auf 89, dass die Chance, sich selbst Träume zu verwirklichen, ein Privileg ist. Wie sehr ich damit recht hatte, wusste ich zu diesem Zeitpunkt vermutlich selbst noch nicht. Das Privileg Marathon ist mir zwar vergönnt, die Möglichkeit es weiter zu versuchen besteht noch immer. Jetzt reise ich als Maskottchen und Ein-Mann-Fanclub meiner Spezln nach Barcelona und schaue zu – mit der eigenen Startnummer in der Hand und der Gewissheit, das Ding mit Bravour zu schaffen, wenn doch nur nicht dieser letzte Lauf gewesen wäre …
Der ganze Bua a Depp
Hätte, wenn, wäre … ich könnte jetzt eine Litanei an wütenden, verzweifelten und enttäuschten Gedanken runterlassen, die mir durch den Kopf gehen. Ich kann aber auch mal zwei Nächte darüber schlafen, tief durchatmen und mal ganz ehrlich zu mir sein. Dabei kommt dann raus, dass ich mit großer Wahrscheinlichkeit selbst schuld bin. Das Ziel war es, einen Marathon zu laufen. Dann sollte es unter 4 Stunden sein. Der Spezl legte die Latte auf 3:30 Stunden. Ich versuchte einen Kompromiss mit 3:45 Stunden zu finden, fand mich kurz darauf aber selbst beim Ziel von 3:30 Stunden wieder und war mit den Trainingswerten der letzten Woche schlussendlich auf 3:15-Stunden-Kurs.
Was war passiert? Ich war nicht ehrgeizig, ich war verbissen. Und verlor dabei mein ursprüngliches Ziel aus den Augen. Ingalena Heuck, deutsche Meisterin im Halbmarathon, die mir mit Rat zur Seite stand, meinte im 89-Interview “Laufen ist Charakterprägung”. Ich ließ es damals sacken und musste dennoch nachfragen, was sie genau damit meinte. Spätestens jetzt hab’ ich es auch verstanden.
Zuckersüß lernte ich, dass ich schnell und lange laufen kann und auch dann noch mit Spaß, wenn’s weh tut. Richtig bitter lernte ich aber, dass ich mir derart real das Gefühl vorstelle, wie es sein muss, das Ziel zu durchlaufen, dass ich nicht ums Verrecken daran denken würde, aufzuhören und alles andere ausblende. Ganz schön naiv. Und irgendwie auch dumm.
Ein Marathon scheint wohl kein Text zu sein, den man schreibt bis man den letzten Punkt setzt und dann am Ziel ist. Der Weg ist auch nicht nur 42,195 km lang und derart gut beschildert, dass man sich nicht verlaufen kann. Bei aller Enttäuschung: Ja, am Wochenende werden meine Spezln sich ihren Wunsch erfüllen und ich nicht. Aber ist das das erste Mal? Nein. Das letzte Mal? Nein. Ist es vielleicht andersrum auch schon mal so gewesen? Ja. Und habe ich vielleicht durch die letzten Monate etwas erreicht, das die beiden Marathon-Spezln nicht haben? Nun ja, meine Wadln sind durchaus dicker und öfter an der frischen Luft war ich auch. Und – ganz wichtig – ich habe mit meinem Fail knapp 1.000 Euro zusammengesammelt. Wer kann das schon von sich behaupten?
1.000 Euro Spendengelder für eine deftige Niederlage
Wer hat noch mit einer deftigen Niederlage knapp 1.000 Euro für einen guten Zweck zusammen bekommen, ha?! Auch, wenn für mich die ganze Idee wie eine Seifenblase zerplatzt ist und irgendwie alles doof ist, werde ich das Geld natürlich in den nächsten Tagen übergeben und dies dokumentieren. Ich hoffe, den Kids ist schnurzpiepegal, ob ich das Geld mit Laufen, Häkeln, Kresse verkaufen oder Pfandflaschen sammeln zusammengekratzt hab’. So hat es für sie dennoch einen Sinn gemacht.
Und ich? Ich glaub’, ich fang noch mal von vorne an. Bis zum Berlin Marathon sind es 28 Wochen. Minus 6 Wochen Verletzungspause … macht dann 22 Wochen – könnte klappen. Nur meinen Laufkumpanen würde ich dann sehr vermissen. Und vor allem unsere Gespräche. “Laufen ist Leben”, meinte Ingalena auch mal. Und für das konnte ich in den letzten Monaten viel lernen. Als ehrliches Dankeschön für Eure zahlreichen lieben Motivationsmails und Zusprüche, möchte ich ein paar mit Euch teilen:
1. Spezi ist isotonisch.
2. Stehen bleiben bringt gar nix. Denn man muss dann trotzdem noch heimlaufen und länger dauern bis zum Essen tut es dann auch noch.
3. Verlieben tut man sich nicht in die Stärken eines Menschen, sondern in seine Fehler (Mit Dank an meinen Laufkollegen für diese Weisheit)
4. Nicht durch große Schritte ist man schnell, sondern durch technisch saubere.
5. Die ersten 5 Kilometer machen keinen Spaß.
6. Wenn man nur ein Ziel hat, hat man auch keinen Plan B.
7. Die schönsten Schuhe sind nicht immer auch zugleich jene, die einen am weitesten tragen, sondern jene, bei denen es am meisten weh tut, wenn man in Hundescheiße tritt.
8. Und wenn man an den Isarufern 4 Monate lang, nicht ein mal überholt wird, weil man das partout nicht zulassen kann, ist man am Ende trotzdem nicht der Sieger …
Projekt Barcelona Marathon failed. Roland und Jean, macht’s besser am Sonntag! Ich feuer’ Euch an und bin stolz auf Euch. Und neidisch, Ihr Säcke.

