Eine Schnapsidee wird AzizBräu

12.02.2012
Sonntagmittag, minus 15 Grad Celsius, Fetzen-Erkältung. Keine tausend Pferde bringen mich da vor die Tür. Dachte ich. Dann lud mich Acim Aziz auf ein Tässchen Tee ein und ich pausierte meinen Plan, zu testen, ob man auch einen Vitamin-C-Schock erleiden kann. Stattdessen trat ich den langen, weiten Weg in den tiefen, weiten Westen Münchens an. Denn dort, wo die Leute auf riesigen Pferden durch die 30er Zone traben und andere riesige Summen bei der Wette verlieren, welches Pferd am schnellsten fünf Mal im Kreis rennt, hat in einem Kinderzimmer eines beschaulichen Reihenhauses das Unternehmen Aziz-Bräu seinen Sitz. Allein der Firmenname hätte ausgereicht, um mein Interesse zu wecken.

Seit vergangener Woche verkaufen Acim Aziz und sein Spezl Dennis Bräu die erste T-Shirt-Kollektion ihres gemeinsamen Labels “WSTD!”. Fünf Styles gibt es, jeweils 100 Stück haben sie aus eigener Tasche produzieren lassen, welche jetzt in Kartons neben dem Bett darauf warten, in alle Ecken der Stadt verschickt zu werden. “Die ersten Bestellungen sind bereits da und um ehrlich zu sein, kann ich Dir nicht mal sagen, wie viele es sind”, meint Acim. “Sind es um die 5 oder um die 50?”, bohre ich nach. “Haha, nicht mal das weiß ich. Das steht morgen auf dem Programm. Da werden die ersten verschickt. Dass aber mehrere Bestellungen da sind, ist jedoch sicher!”

Bevor Acim am Montag Shirts in die Umschläge auf seinem Nachtkasterl packt und zur Post bringt, widmet er sich noch dem für mich noch immer fremden Gebiet der Stochastik. Allerdings nicht, weil er irgendwelche Risiken und Wahrscheinlichkeiten für sein Mode-Projekt “WSTD!” ausrechnen will, sondern weil schlichtweg und knallhart das Abi vor der Tür steht. Mit Sehnsucht denken wir an diese wunderbare Zeit zurück, als wir mittags von der Schule heimkamen und uns erstmal von den 6 eingeplanten und 3 wahrgenommen Schulstunden mit einem kleinen Mittagsschläfchen erholten. Bei Acim schaut das anders aus. Auf dem Bett liegen T-Shirts mit Sprüchen wie “Mom, sorry for being wasted” oder codierten Messages wie “FCK MY SLF”, Sticker, Umschläge etc.

Acim ist 21. Dass er verhältnismäßig spät in die schulische Zielgerade einbiegt, dafür entschuldigt er sich gleich zwei Mal. Wenn man ihn aber reden hört, entschuldigt man es drei Mal. Denn Acim ist einer der Sorte, die nicht lange alle Wahrscheinlichkeiten und Risiken abwägen, sondern Ideen einfach umsetzen. So hat er auch Jahre zuvor bereits in jungen Jahren Events veranstaltet und ein großes Netzwerk aufgebaut, das ihm jetzt bei WSTD! zu Gute kommt. Denn auch WSTD! (übrigens “wasted” gesprochen) war “im wahrsten Sinne des Wortes, eine Schnapsidee”, wie er selbst sagt. “Ich war feiern und ziemlich im Eimer. Halb zum Spaß und halb ohne groß nachzudenken, wollte ich auf dem Heimweg ‘wasted, shit!’ bei Facebook posten. Am nächsten Tag rief Dennis an und meinte, dass wir das echt machen sollten und dass es eine geile Idee sei. Ich hatte mich vertippt und ‘wasted shirt!’ geschrieben”, blickt er auf den Gründungsmoment zurück. Also machten sie das. Einfach so.

Doch einfach weiße T-Shirts bemalen, wollten sie dann noch nicht. Der Kragen musste weiter sein, das gesamte Shirt länger, auch die Ärmel mussten enger und länger sein als normal. Es half nichts: Die Shirts mussten neu gefertigt werden. Penibel maßen die Jungs ein selbst designtes Mustershirt in alle Richtungen aus, die man bei einem Stückchen Stoff nur finden kann. Hinzu kamen die Motive. Handgemalt, versteht sich. Acim erklärt sie so: “Das waren reine Geistesblitze. Da steht keine besondere Aussage dahinter. Wir haben da auch keine Zielgruppe oder so. Die ersten Shirts, die wir unter die Leute brachten, werden genauso von Hip Hoppern getragen wie von Hipstern, Rockern oder Schickimickis, die sich daran freuen, dass es nur ein paar Hundert Stück davon gibt. Und so soll es auch sein.”
Nur in der muslimischen Gemeinde kommt hier und da Kritik auf. Zu krass und befremdlich seien die Motive und der Gossip unter den Gemeindemitgliedern hatte frisches Futter. Die Familie des afghanisch-stämmigen Münchners steht jedoch nicht nur zu 100 % hinter ihrem Schützling, sondern hilft, wo immer sie kann. Mama Aziz schlug zum Beispiel vor, jeder Shirt-Sendung ein persönlich geschriebenes Dankschreiben und ein Stückchen Schokolade beizulegen. Die Idee kam gut an. Denn Mamas Meinung ist wichtig. Das ist bei uns Männern so. Und bei Acim und Dennis zum Glück nicht anders. So sei auch das Lieblingsmotiv mit dem Spruch “Mom, sorry for being wasted” zu erklären. Denn was für eine Gaudi man auch nachts gehabt habe, ein schlechtes Gewissen habe man dann doch der immer fürsorglichen Mutter gegenüber.

Das ist aber genau der Gegensatz, mit dem die Shirts spielen. Wilde Nacht, auf der einen Seite – Kritische Selbstreflexion, auf der anderen. “Unsere Shirts und die Motive sind halt ein krasser Gegensatz zu der Mode wie man sie zum Beispiel auf der Maximilianstraße kaufen kann. Alle denken München sei nur so. Aber das stimmt nicht. Wir sind anders. München ist anders”, reflektieren sie. Wer in München lebt, lebt im Gegensatz. “Bei uns ist es ja genauso: Da gab es ein hochprofessionelles Foto- und Video-Shooting in Istanbul im Dezember, ermöglicht und gefördert durch den sehr guten Freund und Profi-Fotografen Deniz Kosan. Und dann, eineinhalb Monate später, bitten wir unsere Kumpels bei Minusgraden zu einem Shooting im Fahrradkeller, bei dem ich zum ersten Mal überhaupt mit Video zu tun hatte”, veranschaulicht Acim die alltägliche Polarität der Möglichkeiten.
Like! Denn da ist er wieder, der 89-Gedanke. München ist nicht so oder so. München ist nicht Schickimicki oder Punk. München ist nicht hochkulturell oder subkulturell. München ist einfach das, was die Münchner daraus machen. Und Acim und Dennis machen verwirrende T-Shirts, bei denen man anfangs nicht wirklich weiß, ob sie schockieren sollen oder hehre Ansprüche hegen. Das haben die Jungs sich auch nicht zum Ziel gesetzt. Sie machen es einfach, weil sie Spaß daran haben. “Und weil es einfach ein überragendes Gefühl ist, zu wissen, dass es da Leute gibt, die hart für ihr Geld arbeiten und denen es dann wert ist, diese Zeit und diese Arbeit in eines unseres Shirts zu stecken”, fügen sie an.
Dennis (rechts) hat an der Macromedia eine grafische Ausbildung gemacht und verdient als grafisches Multimedia-Talent seine Semmeln. Acim (links) will nach dem Abitur reisen und dann Medienmanagement studieren. Oder andersrum. Wie man es auch dreht: durch und durch gutbürgerlich und gar nicht wasted. Stattdessen zwei Jungs, die Shirts machen, weil es Spaß macht und dabei zugeben, dass es eine Unisex-Kollektion ist, weil es so einfach günstiger ist.
TIPP: Nur diese Woche (dh. bis Sonntag, den 17.02.) veranstaltet WSTD! einen Family&Friends-Verkauf! 89-Leser haben daher noch diese Woche das Glück Shirts zum reduzierten Preis von 34,90 Euro, statt 39,90 Euro zu kaufen!

