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“Izapft os!”

Mit einem herzlichen Gruß an alle Homies aus der Europäischen Ethnologie  …

… leiten wir diesen Text mit einem Verweis auf den guten alten Habitus ein.

Für alle, für die Kultur, das ist, was für einen Eintrittspreis ab 50 Euro in Staatsoper oder Olympiahalle zu erleben ist: Kultur ist auch die Gesamtheit von Gewohnheiten, Denkweisen, Handlungen und Empfindungen, welche beispielsweise in einer Stadt zu verfolgen sind. Dies ist der Habitus einer Stadt. Wer sich das merken will, um damit bei Gelegenheit mit außergewöhnlichem Wissen zu brillieren, der merke sich noch die Namen Pierre Bourdieu und Norbert Elias und ab damit.

So weit, so Henkel trocken – Zeit die Flasche auf zu machen und den Münchner Schampus-Habitus sprudeln zu lassen! Nirgendwo erkennt man den Habitus einer Stadt besser als in den Meinungen ihrer Besucher und den reflektierenden Äußerungen ihrer Bewohner. Das sagt weder Bourdieu, noch Elias. Sondern das sag’ ich. Und zwar jetzt einfach mal so. Wer anderer Meinung ist, kommentiert bissig diesen Artikel und schaut, was passiert.

Doch davor wird noch Mal nachgelegt: München ist nicht wie es ist. München ist das, was du in der Stadt fühlst und denkst. München sind alle deine Erinnerungen. Ein Kuss am Monopteros, ein verkatertes Aufwachen an der Endhaltestelle des S7 oder ein Radl-Crash auf der Schleißheimer.

München sind all die Gefühle, die du in der Stadt erlebst: Panik vor der Prüfung im Audimax der LMU, Freudentaumel auf der Leopold oder Aufregung bis Angst beim Betreten der neuen Arbeitsstelle in einem kalten, anonymen Bürokomplex direkt am bedrohlich hinter dir rauschenden Mittleren Ring.

München sind all die Handlungen, die du in der Stadt machst: Streiten mit der Polizei am Stachus wegen einer 10-Euro-Strafe aufgrund fehlenden Radlichts, Stürzen von der Slackline im Englischen Garten, Angranteln im Weg stehender Touristen vor dem Rathaus oder Biertrinken in ääh … an allen möglichen Ecken der Stadt.

München ist der Geschmack von Leberkassemmeln, Weißwurstfrühstück und lebensrettenden Currywürsten mit Schärfe “brutal” auf dem Heimweg morgens um 5 Uhr.

München ist der Klang von Lang Lang am Odeonsplatz, den Sportis vor der LMU, der Schlachthofbronx in der Roten Sonne und der Ludwig Thoma Musikanten in der Bräurosl. Aber auch das Glockenspiel, 20-Sekunden-Dauerhupen, Maßkrugklirren und „Obacht!“-Rufe meiner allsonntaglichen Radlrambo-Truppe.

Und München ist vor allem nicht die Stadt gebürtiger Münchner. Sie ist auch nicht die Stadt von Christian Ude. Erst recht nicht von zuagrosten Meinungsführern und Entscheidungsträgern. Wenn es nicht so sehr an einen nervigen Acapella-Song erinnern würde, würde ich schreiben: München ist das, was in deinem Kopf passiert.

89 will München in Text und Fotos fassen. In dem Bewusstsein, dass es lediglich Fragmente sind, trägt jeder Kommentar dazu bei das Bild unserer Stadt zu verdichten, festzuhalten und zu feiern. Der Münchner Volkskunde-Professor Johannes Moser schrieb über die „kulturelle Textur“ der Residenzstadt München. Sämtliche Versatzstücke, so Moser, schreiben sich demnach in den Habitus einer Stadt ein und verleihen ihr so ein Gesicht. 89 dreht die „kulturelle Textur“ in die „textuelle Kultur“.

Wir suchen Zitate von Münchnern und München-Besuchern, die zu Text wurden und sich so in den Habitus der Stadt einschrieben. Denn auch das, was die Urheber dieser Zitate von München dachten, ist München, schreibt München, malt München.

Wladimir Lenin, kommunistischer Politiker: „Die Münchner verstehen es, sich öffentlich auf den Straßen zu amüsieren.“

Bundeskanzlerin Angela Merkel beim Empfang des russischen Präsidenten Dmitrij Medwedjew im Schloss Oberschleißheim: „Wenn es Ihnen in München nicht gefällt, dann weiß ich nicht, wo es Ihnen in Deutschland gefallen soll.“

Ernest Hemingway eindeutig: „Fahren Sie gar nicht erst woanders hin, ich sage Ihnen, es geht nichts über München. Alles andere in Deutschland ist Zeitverschwendung.“

Der französische Kaiser Napoleon über das Wesen der Münchner: „Langsam begreife ich, was das ist, ein echter Münchner. Ein Glücksfall ist es, kein Zufall. Es ist Schicksal, Glück und eben doch Verdienst.“

Der Schriftsteller Mark Twain änderte nach einem Besuch seine Meinung: „München schien der schlimmste, verlassenste, unerträglichste Ort zu sein – die Zimmer so klein, der Komfort so dürftig – unausstehlich. (…) Aber am nächsten Morgen verliebten wir uns in die Zimmer, das Wetter, München und Hals über Kopf in Fräulein Dahlweiner.“

„Izapft os“ – OB Erich Kiesl (CSU) beim Anzapfen des ersten Wiesn-Fasses 1978. Was er eigentlich sagen wollte: „I zapf ois.“ (Anm. d. Red.: Im offiziellen Anstich-Zelt Schottenhamel wird Spaten ausgeschenkt.)

“Ich bin nicht schwul – und das ist auch gut so”, outete sich OB Christian Ude kurz nach seinem 60. Geburtstag.

“Majestät, wer ko, der ko!” Der Pferdehändler Franz Xaver Krenkl überholte im Englischen Garten mit seinem Sechsspänner die Equipage des König Ludwig I. Dies war jedoch absolut verboten. Der König war stinksauer. Und Krenkl hob diesen Klassiker aus der Taufe.

„Mögen hätt’ ich schon wollen, aber dürfen hab ich mich nicht getraut!“ Karl Valentin, ohne Worte, super Typ.

„Hängt die Grünen, solange es noch Bäume gibt.“ Mehmet Scholl, ohne Wort, super Typ.

„Nix Gwiß woas ma net.“ Joseph Huber, aka der Finessenseppel, gilt als einer der ersten Münchner Originale.

„Geh Schboozl, schau hoid wia I schau!“, wer den Urheber nicht kennt, stellt sich auf der Stelle in die Ecke und schämt sich.

„Ich benötige ein Buch mehr so in der Art wie “der bayerische Mann im Wandel der Zeiten” (…) Ich benötige eine literarische Rechtfertigung, respektive historische Untermauerung meines durch und durch unsoliden Lebenswandels. “, stehen und schämen.

“Obersendling – aber mit Drang zu was höherem” Auf der suche nach dem potentiellen Wohnort eines Straßenflirts. Wer’s immer noch nicht weiß, zahlt jetzt der ganzen 89-Redaktion a Maß.

„Ja, jetzt schmiere eam glei Oane! Solle earm oane duschn, Spatzl?“ Okay, und a Brotzeit.

„Isch schiebet dir hinten rein, ich schiebet dir vorne rein. Isch scheiß disch so was von zu mit meim Jelt, dass du keine Ruhe mehr hast.” Generaldirektor Erich Haffenloher unterbreitet Münchens Klatsch-Journalist Nummer 1, Baby Schimmerlos, ein Angebot, das nur er ablehnen kann.

„Heute mal nicht. Einfach so.“ Münchner Türsteher.

„Wenn es so ist, das Pyeongchang im ersten Wahlgang gewinnt, zeigt das, dass sich das IOC offenbar überhaupt nix scheißt.“ Unser dritter Bürgermeister, Hep Monatzeder analysiert objektiv und scharf die Wahl des Olympia-Austragungsortes 2018.

… selbstverständlich wird diese Liste fortlaufend aktualisiert und ergänzt. Inspirationen an mitmachen@achtneun.com

Kommentare

  • smsm am 21.07.2011 um 08:45

    Tüverlin erkennt genau den Menschen der Hochebene in all seinen Mängeln; allein sein Herz hängt an ihm. Er liebt diesen Menschen, der nur Sinneswahrnehmungen hat, die er praktisch verwenden kann, edm es aber nicht gegeben ist, gedankliche Zusammenhänge herzustellen. Er liebt dieses Wesen, das sich, an Urteilskraft zurückgeblieben hinter den meisten anderen Weißhäutigen, mehr tierhaft triebhafte Instinkte bewahrt hat. Jawohl, [ihm] gefällt dieser nur oberflächlich zivilisierte Wald- und Frühackermensch, der mit Zähnen und Klauen das Erworbene festhält, mißtrauisch, dumpf knurrend, wenn Neues an ihn heran will. Ist er nicht großartig in seiner Ich-Beschränktheit, dieser Bewohner der bayrischen Hochebene? Wie er seine Fehler als Stammeseigentümlichkeiten glorifiziert. Mit welcher Überzeugung nennt er seine atavistische Plumpheit patriarchalisch, seine Grobheit knorrig, seine dumpfe Stierwut für alles Neue Sinn für Tradition. Prachtvoll, wie er sich wegen seiner primitiven Rauflust als den bayerischen Löwen feiert. Es liegt Tüverlin fern, diese Stammeseigentümlichkeiten zu verhöhnen. Im Gegenteil, er möchte am liebsten aus der bayrischen Hochebene mit allem was darauf lebt, säuft, hurt, in den Kirchen kniet, tauft, Justiz, Politik, Bilder Fasching und Kinder macht, er möchte am liebsten aus diesem Land mit seinen Bergen, Flüssen, Seen, seinem Getier und seinem Gemensch einen Naturschutzpark machen.- Feuchtwanger, Lion: Der Erfolg; drei Jahre Geschichte einer Provinz; 1930

  • David Lemmer am 21.07.2011 um 09:12

    sammy, du bist grandios. danke.

  • jean-marie am 22.07.2011 um 12:59

    David, Danke für dieses Schmankerl. Beim “Isch schiebet dir hinten rein, ich schiebet…” hätt ich fast laut losgelacht. Der Memet sollt sich aber für den Satz schämen!

  • Laurita am 07.08.2011 um 15:20

    A bisserl was geht immer!

  • Laurita am 07.08.2011 um 22:28

    Everybody’s Darling is everybody’s Depp. (Franz Josef Strauß)

  • David Lemmer am 07.08.2011 um 23:05

    grande, lora! 100 punkte :-)

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