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Die Flut mit den Dreiecken

… den Dreiecken ohne was drin.

… den Dreiecken ohne was drin.


Dreiecke. Schwarz, gleichwinklig, gleichschenklig und mit etwa 10 cm Seitenlänge. Auf Zeitungsständen, Straßen, Stromverteilerkästen, Ampeln und Straßenschildern. Mal einzeln, Mal in Menge. Mal scheinbar überlegt, ein anderes Mal scheinbar willkürlich ausgerichtet. Der Großteil ist geklebt, einige wenige sind mit Schablonen gesprüht. Seit Wochen zieht sich diese simple Form durch die Münchner Straßen. Scheinbar nichts lässt sich aus ihnen schließen. Worauf sollen sie hinweisen? Wer steckt dahinter? Worauf soll aufmerksam gemacht werden? Wer soll provoziert werden? Ein Zeichen des Widerstands, der Demonstration? Ein Symbol einer neuen Kunstrichtung? Street Art? Ein gewiefter Versuch die “Kunstexperten” der Stadt zu foppen?

Die Dreiecke fallen in die Zeit, in der sich an der Münchner Freiheit der Widerstand gegen den Abriss der Gebäude von Mama’s Kebap und der Schwabinger 7 in der Feilitzschstraße 7-9 zu einem Kulturaufstand formiert. Es scheint, als wachse die Anzahl der Dreiecke mit dem Näherrücken des gefürchteten Abrisstages im Juli. Woher kommen die Dreiecke? Haben sie etwas mit dem Kampf um Münchens Kultur zu tun?

Das Dreieck ist in verschiedenen Kulturen und Religionen bedeutungsschwanger. Im Christentum natürlich für die heilige Dreifaltigkeit in Gestalt des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Ebenso im Hinduismus. Dort stellt es die drei Götter im Zentrum des Glaubens dar. Plato sah im gleichschenkligen Dreieck ein Bild der Vollkommenheit. Für Pythagoras stand es für das Prinzip des Universums. In der Politologie dient es als Symbol der Stabilität für die Darstellung der Gewaltenteilung in Legislative, Judikative und Exekutive. Esoterische Ansätze verstehen die drei Striche als Symbol verborgener Talente und deren Entwicklung sowie die Energie des Ansporns. In verschiedenen Kontexten allerdings zu finden ist das Verständnis eines Dreiecks mit nach oben gerichteter Spitze als männliche und nach unten gerichteter Spitze als weibliche Darstellungsform. Je nach Ausrichtung meint man im Dreieck eine Stilisierung der männlichen oder weiblichen Physis zu erkennen.

Aber mal zwischendrin ganz salopp gefragt: Wie kann Deutschlands wohl am besten bewachte und sauberste Stadt so breitflächig beklebt und besprayt werden, ohne dass es jemanden zu interessieren scheint? Und wer macht sich wozu soviel Mühe?

Die Auflösung kam letzte Woche. Und sie enttäuschte. Sie hat nichts mit dem Geschehen an der Münchner Freiheit zu tun. Es handelt sich um Werbung für eine P1-Party. “Menage – and it all begins here” am 30.06. Bewusst kommt der Hinweis erst jetzt, damit der verehrte Leser nicht auf die Idee kommt da hinzugehen.

Der erste Gedanke auf des Rätsels Lösung: “Zefünferl! Statt Street Art sind die Straßen jetzt voll mit Werbung für den Schampus-Schuppen.”

Der zweite Gedanke: “Warum dürfen die das? Und wenn nicht, sind dann die Strafzahlungen so gering, dass es bei einem Bierpreis von 6,50 Euro (0,3 l Heineken) immer noch eine rentable Aktion ist?! Ist Street Art somit legal für alle, die es sich leisten können?”

Der dritte Gedanke: “Warum eigentlich Dreiecke?”

Ein Blick in die Online-Kommunikation des Clubs bringt auf Ideen. Spärlich bekleidete Mädels posen aufreizend mit den Dreiecken, tanzen mit ihnen, lecken sie ab oder legen sie sich mit einer Ecke nach unten Richtung Genitalbereich ausgerichtet auf den Bauchnabel – das Dreieck als Symbol der Weiblichkeit. Es tauchen zudem Dreiecke mit Beschriftung auf. Sie verrät das Veranstaltungsdatum. Um es zu lesen, muss man das Dreieck mit einer Ecke nach oben ausrichten – das Dreieck als Symbol der Männlichkeit. Auf Facebook zählt ein Countdown die Tage bis zur Veranstaltung runter. Betitelt ist er mit den Zeilen: “First, you don’t get in. Then: you’ll need a friend. Now that … you shouldn’t do! Oh, you think you are the DJ? Triangle Day … finally!”

Mit der Aktion will Deutschlands angeblich härteste Tür seiner “Exklusivität” wohl Ausdruck verleihen. Was auch immer der Gedanke hinter den Dreiecken ist: sie sprechen Bände über ein Party-Verständnis des “Stüberls” , das sich hauptsächlich über Sex und Macht definiert.

Die Party im Keller des Haus der Kunst mit Schampus, Gucci-Röckchen und schwarzen Dreiecken ist nach ein paar teuren, und schicken Stunden vorbei. 2,5 km weiter nordwestlich eine andere Party auch. Die alte Schwabinger 7 ist jetzt geschlossen. Heute, am Sonntag, läuft im P1 wieder die Veranstaltungsreihe “Fleischbeschau”. An der Münchner Freiheit werden Abrissbirnen, Schutt und Asche beschaut.  Vor der jetzt ehemaligen Schwabinger 7 wurde mit weißem Klebeband ein Tatort mit dem Kommentar “Hier stirbt ein Stück Münchner Kultur” aufgeklebt. Ein paar Buchstaben haben sich bereits gelöst. Der Bauzaun wurde ein paar Meter nach vorne versetzt. Er verdeckt jetzt einen Teil des Motivs. Die schwarzen Dreiecke der P1-Aktion kleben unverändert prominent auf den Straßen, Zeitungskästen und Schildern. Auch in der Feilitzschstraße.

Der Kampf um die “Schwasi” und “Mama’s” ist - zumindest was das Primärziel betrifft - vorbei und verloren. Das Rätsel um die unzähligen schwarzen Dreiecke ist gelöst. Viele Hoffnungen und Erwartungen an sie wurden zerschlagen. Keine neue Message, keine Bewegung, kein Ausdruck aus Münchens Straßen. Stattdessen verbleiben nur Wunden eines alten Kampfes um unsere Stadt. Der alte Kampf: Schein gegen Kultur.

 

Kommentare

  • Johanna Weirauch am 03.07.2011 um 18:25

    end gut daniel!

  • David Lemmer am 03.07.2011 um 18:26

    don’t call me daniel. aber trotzdem mucho merci :-)

  • JimBeam am 03.07.2011 um 18:37

    DANIEL!!!

  • JimBeam am 03.07.2011 um 18:37

    D A N I E L

  • David Lemmer am 03.07.2011 um 18:46

    jim beam, du machst mir aber auch immer nix als ärger…

  • Felix Lange am 03.07.2011 um 20:34

    Starker Artikel, David!

  • Marcelo Hiering am 03.07.2011 um 22:02

    ich find ihn auch ganz gut daniel!

  • Roman 40 am 28.08.2011 um 23:57

    starkes ding!

  • MaPo am 29.08.2011 um 15:22

    sehr gut geschrieben, david. aber promotion girls verteilen halt doch keine street art.

  • David Lemmer am 29.08.2011 um 16:13

    mercinger. und das p1 gleich drei mal ned. da können sie die ganze stadt zu kleistern. street art wird es nie sein. sag ich jetzt mal so. kunstversteher wie ich bin :-P

  • lorenz am 18.10.2011 um 13:01

    sehr sehr schön!

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